Unser ältester Sohn war sechs Jahre alt, als ich in seinem Beisein einen Rehbock erlegte. Der Zeitpunkt dafür war gut gewählt. Max hingegen, unser Jüngster, zog in diesem Alter noch nicht so recht mit. Erzwingen wollten wir die Hochsitz-Initiation keinesfalls. Ist ja auch ein aufwühlendes Erlebnis, wenn ein Stück langsam aus der Dickung und damit Anonymität heraustritt und der Blick durchs Fernglas über Leben und Tod entscheidet. Kurz nach seinem siebten Geburtstag aber fragte Max ganz aus eigenem Antrieb, ob er nicht auch mal dabei sein könne, wenn die Mami etwas schießt.

Wir zogen los, Max mit Gehörschutz, Fernglas und einem kleinen Picknick, falls ihm doch langweilig würde. War aber nicht so. Wir sahen viel: drei Hasen („Mama, können wir die schießen?“), zwei Altfüchse („Und die?“), zwei trächtige Ricken („Und warum die jetzt auch nicht?“) und einen zweijährigen, gut veranlagten Sechser („Den denn wenigstens?“). Ich hatte so meine liebe Not, ihm die komplexen Kriterien für die Schussentscheidung verständlich zu machen, aber es gelang mir – glaube ich – ganz gut.

Max musste sich noch einige Ansitze in Geduld fassen, manchmal kam gar nichts, manchmal wieder nicht das passende Stück. So wurde es allmählich Herbst. Ein Erfolgserlebnis musste her. So setzten wir uns an einem schönen Abend im September an eine besonders vielversprechende Stelle. Auf der großen Blöße im Wald war eigentlich immer Rehwild zu sehen, Doch zwei lange Stunden geschah gar nichts. Max griff zum Zeitvertreib zu meinem Smartphone. Auch ich wurde unruhig und wollte schon den Platz wechseln, als ich eine Bewegung im Bestand wahrnahm und ein Reh über die gegenüberliegende Schneise wechseln sah. Ich behielt die Sichtung für mich und bat Max nur um das Handy, weil er mir nun helfen müsse, die Rehe zu entdecken. Hoch motiviert nahm er sein Fernglas in die Hand und glaste die große Fläche ab. Und wie bestellt trat das Reh aus dem Bestand heraus. „Da ist eins!“, rief Max laut und voller Stolz, dass er als Erster etwas entdeckt hatte. Vor lauter Aufregung hatte er ganz vergessen zu flüstern. Doch der Wind stand günstig und das Reh noch zu weit entfernt, um uns zu bemerken. Ein Böckchen, ganz allein, zog langsam äsend auf die Fläche. Lange wollte ich das Stück nicht auf der Fläche verweilen lassen. Habe ich doch manchmal selbst Hemmungen abzudrücken, wenn ich ein Stück allzu ausgiebig im Glas betrachte. Und wer weiß, vielleicht ginge es meinem Max nicht anders. Max setzte seinen Gehörschutz auf und machte sich bereit, dann drückte ich ab. Der Bock lag im Feuer. „Super Schuss, Mama!“, kam es etwas unwaidmännisch und ziemlich cool von rechts. Max nahm seinen Gehörschutz ab und wollte aufstehen. Ich bremste ihn. „Wir müssen jetzt noch ein wenig warten und dürfen nicht sofort dorthin rennen.“ „Warum nicht?“, wollte er prompt wissen. Die Erklärung, dass man warten sollte, damit das Stück in Ruhe verenden könne, erschien mir angesichts des mausetot daliegenden Rehbocks wenig kindgerecht. Und so bemerkte ich nur, dass ich noch zu aufgeregt sei und noch einen Moment brauche, bevor wir losgehen könnten. Max sah mich lange an, nahm meine Hand in seine und sagte dann leise: „Ich auch!“ Und so saßen wir noch ein wenig aneinandergeschmiegt auf dem Hochsitz und hielten auf diese Weise eine ganz besondere Totenwache.

Beim Aufbrechen ließ ich mir Zeit. Es war natürlich nicht das erste Mal, dass unsere Jungs einen offenen Tierkörper sahen, doch diesmal handelte es sich um eine besondere Situation. Ich zeigte Max die Organe, auch das kleine Herz („Das sieht ja gar nicht aus wie ein Herz!“). Max hielt das Stück tapfer an den Läufen, damit ich es besser versorgen konnte. Damit unsere Kinder wirklich verstehen, warum wir jagen, sollten sie miterleben, wie aus dem geschossenen Stück ein wichtiges Lebensmittel wird. Und so schlugen wir ein paar Tage später mit Max den Bock aus der Decke und zerwirkten ihn. Er durfte tatkräftig helfen, musste die einzelnen Teile bestimmen und hinterher die Wildbretstücke wie eine Art Puzzle wieder zusammensetzen. Scheute er sich anfangs noch ein wenig, die glitschigen Fleischstücke in die Hand zu nehmen, vergaß er schon bald seine Zurückhaltung und machte sich mit Feuereifer an die Sache. Am Wochenende gab es natürlich den Rehrücken. Und wie schmeckte es Max? Nur so viel sei verraten: Für den Rest der Familie blieb kaum etwas übrig.

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